La dernière nuit
Texte d'Alban Lefranc

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Ich erinnere mich an drei Kinder aus dem Englischen Garten.
Ich komme mit dem Fahrrad vorbei, sie stehen auf dem Weg und schreien wie von Sinnen.
Ich fahre durch den Park, und es gibt dort diese drei schreienden Jungs in kurzen Hosen.
Dann plötzlich versenken sie sich in die Betrachtung ihrer Stöcke wie Samurai in kurzen Hosen.
Es ist doch absurd, es ist geradezu komisch, ich werde sterben und ich erinnere mich an drei Kinder aus dem Englischen Garten.
Ich fahre mit dem Fahrrad vorbei, es muss Ende des Sommers sein, und ich sage mir, dass ich mich an Folgendes erinnern werde:
Den Schrei der drei Jungs und ihre anschließende Konzentration.
Ich bin mir sicher, dass ich dieses Bild bewahren werde.
Jetzt sehe ich es vor mir.
Sind sie blond?

***

Hans und ich kehren um, es sind noch hunderte Flugblätter im Koffer übrig.
Es ist ein strahlend heller Tag, der Himmel so blau wie ein Pferd im Galopp!
Es ist der Moment des Tages – nach so vielen Nächten.
Wir werden Flugblätter verteilen.
Es hat viele Nächte gegeben, die Nacht vom 15. zum 16. Februar und die Nacht vom 8. auf den 9. Februar, und viele andere mehr, dutzende seit einem Jahr.
Auf die Mauern schreiben sie NIEDER MIT HITLER, in langen unübersehbaren Großbuchstaben, sie schreiben HITLER MASSENMÖRDER.
Aber ich war nicht dabei.
Ich habe auf sie gewartet, voller Angst, dass man sie verhaften würde.
Noch im letzten Jahr wusste ich nichts, ich träumte nur von Idyllen und Gedichten.

Heuten machen wir es am helllichten Tag.
Hans und ich, Hans und ich, nur er und ich.

Gleich nach der Amalienstraße kehren wir wieder um, wir laufen durch die Vorhalle der Universität und gehen die Treppe hinauf.
Es ist Donnerstag, 18. Februar, 11 Uhr.

Der Morgen füllt uns ganz aus, wir werden von ihm getragen.
Denn Gott hat nicht gewollt, dass der Morgen ohne Liebe sei.

***

Ich sehe diese drei Kinder sehr deutlich vor mir, sie sind blond, sie können nur blond sein – wer ist 1937 nicht blond?
In dieser Zeit sind die Kinder blond, im ganzen Land gibt es eine riesige Blond-Welle.
Etwas weiter weg biegt sich ein Baum im Wind, der Stamm schwankt, hält aber stand.
Ein Baum, der seinen Namen nicht verraten will, ein Ahorn oder eine Platane, ich habe es nie gewusst, vom Wind durchgeschüttelt.
Eine Platane.

Wir sind ganz euphorisch.
Ich bin 15 Jahre alt, Hans 18.
Wir sind noch sehr jung, dumm, naiv und voller Energie, wir glauben immer noch an einen deutschen Frühling.

Was uns an der Partei gefällt, ist die Bewegung an der frischen Luft.
Wir lieben es, Sport zu treiben und Gruppen von Jugendlichen zu leiten, Hans und ich, wir sind ungestüm, in der Jugendbewegung sind wir für alles Mögliche verantwortlich.
Firlefanz für dämliche sportliche Jugendliche!
Dumme und grausame Kinder, die sich selbst überlassen wurden!

Wir wollen es richtig machen, wir sind von dieser deutschen Krankheit befallen, es richtig machen zu wollen, in vollem Bewusstsein irgendetwas zu machen, was man uns zu tun aufträgt.

Aber bald schon.
Bald: Wir sehen nur noch Uniformen in Farben von Exkrementen.
Bald: Wir sehen, dass jeder seinen Nachbarn bespitzelt.

***

Die Wand meiner Zelle.
Mir gegenüber die Wand meines Kerkers, so sehr ich mich auch anstrenge, ich muss sie ansehen, ich kann nicht anders als sie anzusehen, nicht anders als sie anzublicken.
Ich schaue sie an, doch ich kann es nicht glauben.
Ich bin zu schwer von Begriff.
Nein, wirklich, ich glaube es einfach nicht, tut mir leid.

Alles ist Gnade.
Was heißt das schon? Alles ist Gnade.

Kein Schatten.
Den nicht eine Sonne erklären könnte.
Denn Gott hat nicht gewollt, dass der Morgen ohne Liebe sei.

Drei Tage vorher, aber ich war nicht dort, drei Tage vorher malten Willi, Alexander und Hans in ein Meter großen Buchstaben HITLER MÖRDER an die Buchhandlung Hugendubel in der Salvatorstraße. Das ist wirklich etwas Wahres, das ist viel wahrer als diese Wand.

Die Wand.
Die ist schon irgendwie ein Problem, diese Wand.
Ich kann nicht einfach so tun, als sei sie nicht da.
Obwohl, ja. Ich tue genau so, als sei sie nicht da.

Ich breche durch die Wand mit konspirativem Geflüster.
Das unwiderstehliche Geräusch unserer Stimmen, die sich während hunderter Stunden mit dem Papier tausender Briefe in tausenden von Umschlägen zwischen unseren Fingern vermischen.
Offene Umschläge, in die wir die Flugblätter gleiten lassen, Umschläge, die wir wiederum in die Briefkästen stecken, aufgeklebte Briefmarken, Umschläge mit den berüchtigten Flugblättern, die im ganzen Land durch aller Hände gehen, Umschläge, die in andere Briefkästen gleiten, bevor sie von anderen Händen geöffnet werden.
Ein untergründiges Flüstern, dass viel stärker als ihre Maschinen, viel stärker als ihr Geschrei ist.

Und siehe, der HERR ging vorüber und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, vor dem HERRN her; der HERR war aber nicht im Winde. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

***

Hans hält den kupferfarbenen Koffer, die Sonne scheint ihm direkt auf den Kopf, es gibt keinen ächzenden Baum, keine schreienden Kinder, ich erinnere mich, dass es ganz still war, obwohl es Stimmen gegeben haben muss, Straßenbahnen, das Stimmengewirr der Straße, Unterhaltungen, Türen, die sich öffnen, doch ich erinnere mich nur an Stille auf den Fluren der Universität.
Wir verließen die Wohnung in der Franz-Joseph-Straße und gingen durch den Leopoldpark.
Wir traten hinein wie Konspirateure, wie Verschwörer, wie Römer.

Er hält mir den geöffneten Koffer hin und ich hole so viele Flugblätter wie möglich heraus.
Wir verteilen sie stapelweise.
Sie flattern auf die Steinplatten, vor den Türen der Hörsäle.
Wir haben hunderte und aberhunderte in dem Koffer, an die 1.500 Exemplare des neuesten Flugblatts.
Ich kenne den Text auswendig.

Kommilitoninnen! Kommilitonen!
Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.

Wir treffen Willi und Traute auf dem Flur, wir grüßen sie, und ich sage zu Traute: Hol dir die Skistiefel aus der Abstellkammer wieder.

Denn Jahwe ist nicht im Winde.
Denn Jahwe ist nicht im Erdbeben.

Knisterndes Papier, das ich hinwerfe, Hände, Papier, verstohlene Gesten auf den stummen, von der Sonne erhellten Fluren. Knistern, Rascheln, Flüstern, viel stärker als das Geschrei der Maschinen.

Wir gehen wieder hinaus, unser Koffer ist beinahe leer, fast 1.500 Flugblätter

Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet.
Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns!

Wir gehen hinaus, alles verlief ganz wunderbar.

Doch das Herz schlägt nicht genug.
Liegt es daran, dass das Herz in der Brust nicht stark genug schlägt?

Das Wort Gottes! »Gib mir mein Wort zurück«, wird der Richter am Jüngsten Tag sagen.

So gehen wir zurück.
Ist es Hans? Bin ich es?
Wir gehen gemeinsam zurück, ohne uns zu beratschlagen.

Wir gehen in den Flur zurück, das Ende der Vorlesung ist nah, bald werden Massen von Studenten die Treppen hinunterströmen, werden sie von überall her auftauchen.
Wir steigen die Treppe hinauf, ich lege einen ersten Stoß auf die Stufen, wir befinden uns im zweiten Stock.
Ich werfe den Stoß vom zweiten Stock.

Es regnet Flugblätter, sie verteilen sich im ganzen Innenhof.
Das Herz explodiert.
Das Herz explodiert in der Brust.
Die Brust kann die Explosion des Herzens nicht fassen.

Denn Jahwe ist nicht im Winde.
Denn Jahwe ist nicht im Erdbeben.
Denn Jahwe ist nicht im Feuer.
Jahwe ist im stillen, sanften Sausen.

***

Und Judith war allein bei ihm in der Kammer. Holofernes aber war auf sein Bett hingefallen und schlief; denn er war ganz trunken.

Judith, kleine mutige Judith!

Sie trat zu der Säule oben am Bett und langte das Schwert, das daran hing, und zog es aus und ergriff ihn beim Schopf und sprach abermals: Herr Gott, stärke mich in dieser Stunde! Und sie hieb zweimal in den Hals mit aller Macht und schnitt ihm den Kopf ab.

Nachdem sie ihm vorgestellt worden war, zog Charlotte Corday ein Messer hervor und stach Marat in die Brust. Die Klinge durchstieß den rechten Lungenflügel, die Aorta und das Herz. Was für eine gottverdammte Kraft diese Charlotte hatte!

Doch heutzutage hat der MASSENMÖRDER kein Zelt, in dem er nachts besucht werden könnte. Man fragt ihn nicht nach einem Treffen, man schreibt ihm keine Briefe. Er wird bewacht von Maschinen, die ihn rings umgeben. Heutzutage fährt der MASSENMÖRDER mit Vollgas in seinem gepanzerten Auto durch die Straßen, verborgen in einem Korso von anderen gepanzerten Autos, die mit bis an die Zähne bewaffneten Männern vollgestopft sind.

1943 in Deutschland sind es Namenlose, Millionen von Namenlosen, die die Hölle errichten, die überzeugt davon sind, nur ihr Pflicht zu tun. Jeder belauscht seinen Nachbarn, jeder ist des Nachbars Blockwart.

Der Hausmeister Jakob Schmid, der uns in der Universität festnimmt, ist nicht an Politik interessiert, aber, sagt er, es sei nunmal verboten, innerhalb der Universität Flugblätter zu verteilen. Er tut nur seine Pflicht!

Richard Hader ist nicht an Politik interessiert, er gibt sich damit zufrieden, an der Universität ein Institut für indogermanische Geschichte zu gründen. Er ist damit betraut, unsere Flugblätter zu untersuchen und als eifriger Philologe tut er nur seine Pflicht. Er hat zwar nichts gegen uns, doch nimmt er an der Treibjagd teil.
Jeder macht eifrig seine Arbeit, in der Verwirklichung der Aufgabe, die ihm zugewiesen ist, will jeder nur der Beste sein.

Die Deutschen sind kein Volk von Saboteuren.

***

Was mich wundert, ist die Stille.
Die Stille kam sehr schnell.

Ich hätte August Klein, meinen Pflichtverteidiger, bemitleiden können, als er ganz kleinlaut, feige und Trübsal blasend in meine Zelle gekommen ist. August Klein, der keinen Finger krumm gemacht hat. August Klein tut es wirklich leid, hier zu sein und dass er zu meiner Verteidigung berufen worden ist.

Werde ich erhängt oder geköpft?
Er zergeht förmlich, als ich ihm diese doch recht einfache Frage stelle.

UND HANS? Wird er erschossen?

***

Ich stelle mir Hans in einer anderen Zelle vor. Ich stelle ihn mir vor, wie er, gleich Danton, sagt:
»Sonderbar, das Zeitwort guillotinieren kann man nicht in allen Zeiten konjugieren. Man kann wohl sagen: Ich werde guillotiniert werden, du wirst guillotiniert werden… aber man sagt nicht: Ich bin guillotiniert worden.«

***

Ich werde niemals die Farbenlehre von Goethe lesen, ich mochte sie schon wegen ihres Titels und weil sie anscheinend falsch ist, von vorne bis hinten falsch.
Denken wir ein wenig nach, ohne hinzuschauen existiert diese Wand nicht.
Denken wir ein wenig nach, um diese Wand verschwinden zu lassen.
Tun wir so, als würden wir nachdenken, wie eine kleine brave Schülerin, die nichts aus der Fassung bringt.

Um von A nach B zu kommen, aber auch, um innerhalb der Zeit von einem Punkt x zu einem Punkt x+1 zu gelangen, muss man mindestens die Hälfte der Distanz zwischen A und B zurücklegen und die durchschnittliche Zeit zwischen x und x+1 aufwenden. Um dann die Hälfte der Hälfte, anschließend die Hälfte der Hälfte der Hälfte zurückzulegen und so bis ins Unendliche.
Der Raum und die Zeit sind unendlich teilbar.
Und dennoch gibt es in der Zeit und im Raum immer wieder eine neue Hälfte zu überwinden.
Und dennoch gelangt man nicht zu Punkt B, kommt man niemals bei der nächsten Minute an.

Weder die Zeit noch der Raum existieren.

Das ist doch eine wahrlich famose Entdeckung!
Eine Entdeckung, die ich unbedingt mit Hans teilen muss.
Wir haben wirklich viel zu viel Zeit verloren mit Dingen, die nicht existieren.
Was wir stattdessen alles hätten machen können!

Die Zeit existiert nicht, der Raum existiert nicht.
Die Wörter aber, die existieren.
Und wie die Wörter existieren und welche Macht sie besitzen!
Die wahren Wörter sind wahrer als Zeit und Raum zusammen.
Sie fliegen auf die Sache zu und sprechen sie aus, sie wägen sie ab, und die Sache erzittert beim Rufen ihres Namens.

Zum Beispiel: Ein MASSENMÖRDER ist ein MASSENMÖRDER.
Er weiß es, der MASSENMÖRDER, dass er ein MASSENMÖRDER ist, und seine Schergen wissen es noch viel besser als er. Denn sonst würden sie nicht eilfertig die Buchstaben entfernen, sonst würden sie uns nicht im ganzen Land nachstellen.
Sonst würden sie uns nicht zum Tode verurteilen.

Erstaunlich, wie die Wörter, die hier zur Sprache kommen, die nur ein einziges Mal gebraucht und in ein Meter großen Buchstaben auf einer Wand geschrieben werden, ausreichen, tausend andere von den Mördern in Umlauf gebrachte Wörter zu zersetzen.

Die Mörder haben das Wort »Experte für Rassenwissenschaften« erfunden.
Die Mörder haben »artfremd« erfunden: Mit 25 Prozent nichtarischen Bluts sind Sie der Art fremd.
Und ihre Wissenschaft ist eine Mischung aus Zoologie und Handel.

Doch gegen all das, gegen ihre Rassenwissenschaft und ihre Falsifizierung: MASSENMÖRDER auf eine Wand geschrieben, und sofort sieht man klarer.

Die Mörder beschmutzen alle Sätze, alle Wörter mit »Volk«!
Volksfest.
Volkskamerad.
Volksgemeinschaft.
Volksfremder.
Volkskanzler.
Volkstribunal.

Aber gegen all das, gegen die Zerstörung der Sprache: »MASSENMÖRDER« in ein Meter großen Buchstaben auf den Wänden der Stadt.

Und wie die wahren Wörter existieren und welche Macht sie besitzen!

***

Ich stelle mir ein Gedicht vor, ein Gedicht in Fetzen.
Es ist ein Gedicht, das vielleicht aus Stalingrad kommt, ein Gedicht, das noch nicht geschrieben wurde, das ich aber schon hören kann.

Ich stelle mir vor, dass Hans in seiner Zelle dieses Gedicht in Fetzen auch hört.
Er hört es und ich spreche es, in meinen vier Wänden, die nicht existieren:

An Vorahnungen glaube ich nicht.
Vorzeichen fürchte ich nicht.
Verleumdungen und Gift schrecken mich nicht.
Es gibt keinen Tod in der Welt.
Unsterblich sind alle.
Unsterblich ist alles.
Man braucht den Tod nicht zu fürchten – weder mit siebzehn Jahren noch mit siebzig.
Es gibt nur Licht und Leben.
Weder Dunkelheit noch Tod gibt es in der Welt.

***

Ich fahre durch den Park, auf dem Weg stehen drei Jungs in kurzen Hosen und schreien.